Fern der Heimat - und doch irgendwie Zuhause
Manchmal denke ich, als Karikaturist ist man so etwas wie ein fahrender Händler aus alten Zeiten. Nur dass ich keine Gewürze oder Stoffe dabei habe, sondern Stifte, Papier und jede Menge Gesichter. Und so kommt es, dass ich als Karlsruher Künstler immer wieder irgendwo in Deutschland auftauche, manchmal hunderte Kilometer entfernt von der Heimat.
So auch beim Wissenschaftsjahr 2014 in Berlin.
Ich erinnere mich noch gut: Ich stand dort als gebuchter Karikaturist zwischen all den Ständen, Wissenschaftlern und Besuchern und dachte mir kurz: Na gut, Erol, jetzt bist du hier ganz allein aus Karlsruhe angereist.
Dachte ich.
Denn plötzlich stehen zwei Herren vor mir, schauen auf meine Zeichnungen und fragten mich, woher ich sei.
Es stellte sich heraus: Die beiden waren vom FZI - Forschungszentrum Informatik Karlsruhe.
Natürlich. Die Welt ist klein.
Doch damit nicht genug. Einer der beiden Herren blickte quer durch den Raum und sagte plötzlich:
"Warten Sie mal..."
Er zeigte auf einen Mann am anderen Ende der Veranstaltungshalle.
"Sehen Sie den Herrn dort? Das ist doch der Leiter vom ZKM in Karlsruhe."
Dann riefen sie tatsächlich quer durch den Raum:
"Wissen Sie eigentlich, woher dieser Künstler kommt?"
Der angesprochene Herr schaute herüber. "Der isch aus Karlsruh´." lösten die zwei das Rätsel auf.
Und da stand ich nun.
Mitten in Berlin. Beim Wissenschaftsjahr 2014.
Umgeben von Forschern, Besuchern und Ausstellern.
Und plötzlich fühlte sich alles wieder ein bisschen nach Karlsruhe an.
Es sind genau diese Momente, in denen man merkt: Man kann noch so weit reisen - irgendeine Verbindung zur Heimat taucht immer wieder auf.
Solche Momente passieren mir tatsächlich öfter.
Einmal war ich auf einer Hochzeit irgendwo im Schwäbischen gebucht. Ich baue meinen Zeichenplatz auf, schaue mich um und merke langsam: Die Dialekte um mich herum klingen verdächtig vertraut. Am Ende stellte sich heraus, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Hochzeitsgesellschaft aus Karlsruhe kam.
Und das Beste: Einige dieser Gäste sehe ich heute noch regelmäßig wieder, zum Beispiel wenn ich im Ettlinger Tor sitze und dort zeichne. Dann heißt es plötzlich:
"Sie haben uns doch auf der Hochzeit von ... gezeichnet!"
Das sind die schönsten Wiedersehen.
Ein besonders legendärer Moment war aber ein Coca-Cola-Event im Steigenberger Airport Hotel in Frankfurt.
Ich komme mit meinem Koffer an, setze gerade einen Fuß in die Lobby und noch bevor ich überhaupt eingecheckt habe, höre ich hinter mir:
"Ist das nicht der Erol aus Karlsruhe?"
Ich drehe mich um und denke: Woher kennen die mich denn?
Die Antwort war fast noch besser. Die Leute hatten mich 12 bis 15 Jahre vorher bei einer Veranstaltung erlebt.
Zwölf Jahre.
In dieser Zeit hat mancher sein Handy dreimal gewechselt, seinen Job zweimal und seinen Friseur mindestens fünfmal. Aber offenbar kann eine Karikatur - oder vielleicht auch der Karikatourist dahinter - doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Und genau das sind die Momente, die ich an meinem Beruf liebe.
Man fährt irgendwo hin, denkt, man sei völlig fremd dort, und plötzlich merkt man: Ein Lachen, eine Zeichnung oder eine alte Begegnung reist manchmal weiter als man selbst.
Oder anders gesagt:
Fern der Heimat - und doch irgendwie immer ein bisschen Zuhause.